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TRF   Stoffliche Verwertung der Textilen Restfraktion
Baustoffe aus "Third-Hand"-Kleidung


Dr. Andreas Bartl, Projektleiter des vorgestellten Fabrik-der-Zukunft-Highlights, gewährt im Interview einen persönlichen Einblick in das Projekt.



Bartl Marini Haner
Dr. Andreas Bartl (links), Prof. Ingo Marini (2.v.rechts), Sebnem Haner, MSc. (rechts)


www.nawaro.com: Welche Vision und welches Ziel liegen dem Projekt zugrunde?

Bartl: HUMANA war die erste Organisation in Österreich, die Mitte der 1980er Jahre die Altkleidersammlung mittels Containern einführte. Durch den 24-Stunden-Service für die Bevölkerung konnte eine deutliche Steigerung der Sammelraten für Altbekleidungen erreicht werden, was einerseits zu einer deutlichen Reduzierung des Hausmüllaufkommens, andererseits zu merkbaren Kosteneinsparungen bei den Kommunen führte. In Summe hat HUMANA in den mehr als 20 Jahren Tätigkeit als Sozialunternehmen für Kleidersammlung 50.000 t Kleidung gesammelt und den Kommunen damit 175.000 m3 Deponievolumen bzw. 8 Millionen Euro Entsorgungsgebühr - zu aktuellen Preisen gerechnet - erspart.
Die gesammelten Altkleider werden in speziellen Zentren aussortiert, wobei ein geringer Anteil (ca. 3 bis 10 %) als Second-Hand-Ware in Österreich verkauft wird und die Hauptfraktion (40 bis 50 %) als Gebrauchtkleidung in Schwellen- und Entwicklungsländern Verwendung findet. Eine finanziell weniger lukrative Fraktion wird zur Herstellung von Putzlappen eingesetzt, und schlussendlich bleiben rund 10 % Altbekleidungen übrig, die als Abfall entsorgt werden müssen.
Aufgrund des Deponierungsverbotes für unbehandelte Abfälle in Österreich haben sich in den letzten Jahren die Entsorgungskosten für diese Abfallfraktion dramatisch erhöht. Zuletzt mussten bis zu 160 €/t bezahlt werden, was die finanzielle Situation von HUMANA belastete. Durch diese hohen Entsorgungskosten wird die Finanzierbarkeit der gesamten Altkleidersammlung gefährdet.
Ziel des gegenständlichen Projektes war es nunmehr, diese Abfallfraktion durch mechanische Aufbereitung in ein Recyclingprodukt überzuführen, das mit Erlös vermarktet werden kann. Derzeit findet man eine Vielzahl an Kurzfaserprodukten am Markt, die für verschiedene Anwendungen im Baustoffbereich genutzt werden. Die Wirkung der Fasern beruht auf einem Verstärkungseffekt, in einer Modifikation des Fließverhaltens (Viskosität) oder in einer Beeinflussung des Wasseraufnahmevermögens. Die am Markt befindlichen Kurzfaserprodukte werden zu einem Großteil aus neuen Rohstoffen hergestellt und sind teilweise sehr teuer. Durch eine wenn auch nur teilweise Substituierung dieser teuren Lösungen durch die aufbereitete Abfallfraktion aus der Altkleidersammlung scheint eine Wirtschaftlichkeit der Aufbereitung gewährleistet zu sein.
Neben finanziellen Vorteilen werden durch die geplante Wiederverwendung der Fasern aus Altbekleidungen Energie und Ressourcen geschont sowie die strengen Auflagen der österreichischen Abfallgesetzgebung erfüllt.

Welche Hindernisse mussten überwunden werden, um das Projekt zu realisieren?

HUMANA verwendet den erwirtschafteten Erlös für Projekte in der Entwicklungshilfe, sodass es schwierig war, die notwendige Eigenkapitalquote für den Forschungsaufwand zur Verfügung zu stellen. Durch eine Förderung im Rahmen der Programmlinie "Fabrik der Zukunft" sowie durch Beteiligung von zwei weiteren Sammlern von Altbekleidungen (Green World Recycling Ltd. und The GAIA-Movement Trust Living Earth Green World Action) und zwei Betrieben aus der Abfallwirtschaft (R + M Ressourcen + Management GmbH und UEG Umwelt- und Entsorgungstechnik AG) konnte eine Finanzierung des Projektes realisiert werden. Die Zusammensetzung des Projektteams stellt auch sicher, dass nach Projektende die gewonnen Erkenntnisse rasch umgesetzt werden können.

Wo sehen Sie die gesellschaftliche Relevanz für dieses Forschungsthema?

Die Wiederverwendung von Altbekleidungen kann beträchtliche Mengen an Energie und Ressourcen einsparen. So benötigt man zur Herstellung von 1 t Polyesterfasern, der mit Abstand wichtigsten Faser aus synthetischen Polymeren, rund 126 GJ. Dies entspricht rund 3 t Rohöl. Im Vergleich zur Faser, die ja nur ein Zwischenprodukt darstellt, liegt das Einsparpotential bei Bekleidung wesentlich höher. Für 1 t Bekleidung aus Polyester (das sind etwa 4.000 T Shirts) werden 330 GJ bzw. rund 8 t Rohöl benötigt. Für Baumwolle, die im Bereich Bekleidung eine wichtige Rolle spielt, liegt der Energiebedarf etwas niedriger. Zur Faserherstellung werden rund 55 GJ/t (1,3 t Erdöl pro 1 t Baumwolle) und für Bekleidung rund 240 GJ/t (5,7 t Erdöl pro 1 t Baumwolle) verbraucht. Allerdings benötigt Baumwolle Wasser und Ackerland, das dann nicht mehr für Lebensmittelproduktion zur Verfügung steht. Vielfach sind in wenig entwickelten Ländern die Bewässerungssysteme ineffizient, sodass bis zu 27 000 m³ Wasser für 1 t Baumwolle benötigt werden. Die dramatische fortgeschrittene Austrocknung des Aralsees wurde zum Teil durch die intensive Bewässerung von Baumwollplantagen verursacht. Dem gegenüber stehen lediglich 6 GJ, die notwendig sind, um 1 t Altbekleidungen zu sammeln und zu sortieren.
Neben ökologischen Vorteilen der Altkleidersammlung sprechen auch soziale Aspekte für diese Praxis. Second-Hand-Bekleidung ermöglicht es sozial schwachen Gruppen in Österreich, auch qualitativ hochwertige Bekleidung zu günstigen Preisen zu erwerben. In Entwicklungsländern wird mit den exportierten Altbekleidungen ein Markt geschaffen, der es der Bevölkerung ermöglicht, Kleidung zu leistbaren Preisen zu erwerben. Schlussendlich wird der von HUMANA erzielte Erlös für Entwicklungshilfeprojekte, vor allem den Bau und Betrieb von Schulen, verwendet.
Es ist klar, dass die Sammlung und Wiederverwendung von Altbekleidungen aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Sicht zu befürworten ist. Das Projekt kann eine Absicherung dieser sinnvollen Praxis durch eine Vermeidung der hohen Entsorgungskosten für die Restfraktion erreichen.

Was ist Ihre persönliche Motivation, die Entwicklung im Bereich der Nutzung nachwachsender Rohstoffe zu forcieren?

Im Projekt geht es um die Schließung von Kreisläufen und Vermeidung von Abfall ("zero waste") und nicht primär um die Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Selbstverständlich besteht Altbekleidung aus einem hohen Anteil aus nachwachsender Baumwolle, deren Lebenszyklus verlängert werden soll.

Rohmaterial vor und nach Verarbeitung
Abfallfraktion aus der Altkleidersammlung (links), Material nach Vorzerkleinerung (rechts)


Wie kann man sich die Nutzung und Verbreitung der Ergebnisse Ihres Projekts vorstellen?

Das Projekt muss letztendlich dazu führen, dass Kapazitäten geschaffen werden, die die derzeitige Abfallfraktion in ein Recyclingprodukt überführen. Primär sollen die Projektergebnisse von den Projektpartnern genutzt werden, was auch durch Anmeldung eines Schutzrechtes abgesichert ist. Bei einem entsprechenden Erfolg ist es jedoch sinnvoll, dass nicht nur die Abfallfraktion von HUMANA aufbereitet wird, sondern auch Bekleidungsabfälle von anderen Sammelorganisationen sowohl in Österreich als auch in Europa durch diese Verfahren in ein Recyclingprodukt übergeführt werden.

Wie werden diese Forschungsergebnisse Ihrer Meinung nach Handlungsweisen und Einstellungen der Gesellschaft beeinflussen?

Derzeit werden Konsumenten angewiesen, nur saubere und brauchbare Bekleidung in die Sammelbehälter einzuwerfen. Sollte das im Rahmen des Projektes entwickelte Verfahren möglich machen, auch defekte oder schmutzige Textilien wirtschaftlich zu nutzen, so wäre eine entsprechende Korrektur der Sammelkriterien möglich. Dies würde die Sammelrate noch weiter erhöhen (derzeit bei rund 7 kg pro Einwohner) und somit die Menge an Textilien im Hausmüll reduzieren. Für die Kommunen und somit die Bürger würden sich dadurch die Kosten für die Abfallentsorgung reduzieren.

Welches Verbesserungspotenzial sehen Sie im Rückblick bei Ihrem Projekt, was hätte anders geplant oder durchgeführt werden müssen?

Bislang wurden alle Projektziele erreicht. Nennenswerte Änderungen im Projektablauf wären aus derzeitiger Sicht nicht notwendig.

Gibt es ein Folgeprojekt bzw. einen langfristigen Projektplan für spezielle Weiterentwicklungen?

Im Rahmen des Projektes wurde die Aufbereitung der Abfallfraktion aus der Altkleidersammlung untersucht und die Basisdaten für eine großtechnische Umsetzung gewonnen. In einem Folgeprojekt werden Untersuchungen durchgeführt, die spezifische Tests mit Baustoffen beinhalten. Dadurch können Daten gewonnen werden, die für einen Markteintritt mit dem Recyclingprodukt notwendig sind.

Gibt es oder gab es vergleichbare Fremdprodukte/-konzepte? Wo liegen die Unterschiede zu Ihrem Projekt?

Vergleichbare Konzepte basieren zumeist auf einer Herstellung von Reißfasern, die wiederum zur Produktion von Textilien oder Vliesstoffen geeignet sind. Diese Recyclingprodukte liegen jedoch qualitativ deutlich unter Neuware und sind nur auf einem sehr begrenzten Markt absetzbar.

Herr Dr. Bartl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde von Magdalena Burghardt (GrAT) durchgeführt.

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