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Total Quinoa   Total Quinoa
Gesamtheitliche Nutzung von Quinoa für Feinchemikalien, Diätnahrungsmittel und Fasermaterial



Prof. Dr. Volker Ribitsch über sein Projekt "Gesamtheitliche Nutzung von Quinoa für Feinchemikalien, Diätnahrungsmittel und Fasermaterial".




Welche Vision, welches Ziel liegt dem Projekt zugrunde?

Das Ziel war konkrete innovative Technologien zur nachhaltigen Nutzung einer alternativen Pflanze zu schaffen, wobei aus allen Pflanzenteilen, der Frucht, den Schalen und den Pflanzenstängeln wertvolle, vermarktbare Produkte gewonnen werden sollen. Für diese Vision soll die alte Kulturpflanze Quinoa Chenopodium Willd. aus den Anden in Österreich unter kontrolliert biologischen Anbaubedingungen kultiviert werden. Die Fruchtschale liefert hochwertige natürliche Emulgatoren und Tenside (Saponine) für pharmazeutische und kosmetische Produkte und aus der Frucht kann ein Diätmehl für Zöliakiekranke sowie Nahrungs-ergänzungsstoffe hergestellt werden. Die bei der Aufbereitung anfallenden Pflanzenfasern sind als biologisch abbaubare Werkstoffe oder naturfaserverstärkte Kunststoffe geeignet. Folglich kann eine gesamte Verwertungskette für alle Pflanzenteile aufgebaut werden. Das Hauptaugenmerk dieses Projektes richtet sich primär auf die Gewinnung der Saponine und deren Einsatz in unterschiedlichen Industriebereichen. Saponine können mit sanft-chemischen Methoden isoliert werden und weisen ein Wirkungsspektrum auf, das den Anforderungen für den Einsatz in Reinigungs- und Körperpflegeprodukten entspricht.

Welche Hindernisse mussten überwunden werden, um das Projekt zu realisieren?

Um den Erfolg des Projektes und damit der Gesamtlinie zu gewährleisten, wurde die Prozessentwicklung intensiv am Bedarf der zukünftigen Anwender angepasst. Es wurde ein Projektteam erstellt, das in der Lage war im Food- und Non-Food Bereich hochwertige Beispielsprodukte herzustellen und eine Verwertungskette für alle Pflanzenteile aufzubauen. Als schwierig erwies sich zu Beginn des Projektes der Anbau der Pflanze, da die Quinoa für die Biobauern ein neuartiges Pseudogetreide darstellte. In wiederholten Anbauversuchen konnten die relevanten Kenntnisse über die Kultivierung aufgebaut werden. Der Anbau der Quinoa im Versuchsstadium in Österreich kann derzeit als erfolgreich eingestuft werden.

Wo sehen Sie die gesellschaftliche Relevanz für dieses Forschungsthema?

Die Nachfrage nach Ersatzprodukten für synthetische Emulgatoren und Nahrungsmittel nimmt durch steigendes Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein aber auch durch Allergien und Erkrankungen wie beispielsweise die Zöliakie seit Jahren beständig zu. Mit den neu entwickelten Produkten werden diese spezifischen Zielgruppen angesprochen. Die Saponine der Quinoa sind durch ihre oberflächenaktiven Eigenschaften für den beabsichtigten Einsatz als Tenside und Emulgatoren in Körperpflege- und Reinigungsmittel prädestiniert und wurden mit sanft-chemischen Methoden aus einem pflanzlichen Rohstoff gewonnen. Das hochwertige Mehl kann bei bekannter Glutenunverträglichkeit als diätetisches Nahrungsmittel zum Einsatz kommen.
Eine regional und kontrolliert biologisch angebaute Quinoa ist im Vergleich zu konventionellen Getreidearten teurer. Bei einer konsequenten Doppelnutzung der alternativen Pflanze im Food- und Non-Food Sektor (Korn und Schale) kann jedoch ein Ausgleich des Weltmarktpreises für die Quinoa gegenüber den höheren Produktionskosten geschaffen werden. Die neu entwickelten Produkte können dadurch für den Hersteller und Konsumenten ein akzeptables Preis-Leistungsverhältnis aufweisen.
Neben den genannten Vorteilen stellt die Quinoa bei einer konsequenten Ganzpflanzennutzung auch erhebliche Chancen für die Agrarproduktion und industrielle Wirtschaft dar.

Was ist Ihre persönliche Motivation, die Entwicklung im Bereich der Nutzung nachwachsender Rohstoffe zu forcieren?

Durch die Entwicklung eines einsatzfähigen natürlichen Emulgatorsystems und neuartiger Bioprodukte wird die österreichische Forschungs- und Entwicklungskompetenz nachhaltig gestärkt. Es werden Know-how und Kompetenz für die Agrarproduktion und Food- und Non-Food Betriebe aufgebaut und die Voraussetzung für die Entstehung eines regionalen Netzwerkes geschaffen. Durch die Vernetzung österreichischer Entwicklungsteams können Produkte leichter generiert werden.

Wie kann man sich die Nutzung und Verbreitung der Ergebnisse Ihres Projekts vorstellen?
Die mögliche Nutzung und Verbreitung ist vielfältig. Das Korn und die Schale der Quinoa stellen noch nicht etablierte Rohstoffe für glutenfreie  Diätnahrungsmittel und natürliche Emulgatoren dar. Um diese Nutzung in Österreich zu forcieren, wurden gemeinsam mit verarbeitenden Betrieben (Mühlen, Backwaren-, Getränke-, Nahrungsmittelergänzungs- und Körperpflegehersteller) Beispielprodukte entwickelt. Diese Projektergebnisse werden vorrangig von den Projektpartnern genutzt. Sicherheit bietet die Möglichkeit der Anmeldung von Schutzrechten. Durch die vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten des Korns kann bei entsprechendem Erfolg die Produktpalette ausgedehnt werden. Die Lebensmittelindustrie hat die Möglichkeit, hochwertige Nahrungsmittel sowie Nahrungsergänzungsmittel in vielfältiger Weise mit einer guten Marktakzeptanz auf den Markt zu bringen.



Wie werden diese Forschungsergebnisse Ihrer Meinung nach Handlungsweisen und Einstellungen der Gesellschaft beeinflussen?

Die Akzeptanz für biologische Produkte steigt und führt dazu, dass Wert auf Qualität gelegt wird und damit die höheren Endverbraucherpreise von den Konsumenten angenommen werden.

Welches Verbesserungspotenzial sehen Sie im Rückblick bei Ihrem Projekt, was hätte anders geplant oder durchgeführt werden müssen?

Die Hauptschwierigkeit lag darin, eine genügend große Menge der Hauptprodukte (Emulgatoren und Mehl) mit entsprechender Qualität, Qualitätssicherheit und Liefersicherheit anbieten zu können. Dies war die Voraussetzung dafür, dass weiterverarbeitende Betriebe neue Produkte entwickeln konnten. Aus heutiger Sicht hätten wir die anfänglichen Quinoa Anbauversuche differenzierter geplant und durchgeführt. Jedoch wurde auch dieser Projektabschnitt an sich erfolgreich bearbeitet und abgeschlossen.

Gibt es ein Folgeprojekt bzw. einen langfristigen Projektplan für spezielle Weiterentwicklungen?

Das Projekt hatte zum Ziel, die einjährige Pflanze Quinoa in Österreich ganzheitlich nutzbar zu machen. Es wurden die Technologien und die vermarktbaren Produkte im Food- und Non-Food-Bereich im Labormaßstab entwickelt. Nach wie vor besteht die Schwierigkeit, die Weiterentwicklung bis zu Endprodukten zu finanzieren. In einem Folgeprojekt soll die Umsetzung der bisher erreichten Ergebnisse vom Kleinstmaßstab in einen Pilotmaßstab die landwirtschaftliche und technologische Durchführbarkeit des vorliegenden Projektes gewährleisten (Testanbau in Hektar, Mehlgewinnung in Tonnen, Emulgator- und Tensidherstellung in Kilogramm).

Was sind die häufigsten drei Fragen, die Ihnen zum Projekt gestellt werden?

Frage 1: Was ist Quinoa und wofür braucht man sie?
Frage 2: Wird die Quinoa bei uns schon angebaut?
Frage 3: Lassen sich die Produkte vermarkten?

Gibt es oder gab es vergleichbare Fremdprodukte/-konzepte? Wo liegen die Unterschiede zu Ihrem Projekt?

Die Doppelnutzung der Pflanze im Food- und Non-Food Sektor und der Aufbau einer geschlossenen Verwertungskette sind neue Konzepte und mit keinem anderen vergleichbar. Neu ist auch der Ansatz, Saponine als grenzflächenaktive Substanzen in Körperpflegeprodukten zu verwenden.

Vielen Dank für das Interview.



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