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Grüne Bioraffinerie   Die Grüne Bioraffinerie
Aus Gras mach Gas - und mehr


Im Rahmen der ersten offiziellen Führung (Jahrestreffen des Oö. Absolventenverbandes der Universität für Bodenkultur Wien) durch die Grüne Bioraffinerie haben wir dem Initiator und Leiter des Projekts, Dipl.-Ing. Dr. Horst Steinmüller, ein paar Fragen zu der Vision und der Arbeit hinter der Bioraffinerie gestellt und wollten von ihm wissen, was er in Zukunft vorhat und welche Hürden es dabei noch zu überwinden gibt.


Horst Steinmueller


www.nawaro.com: Welche Vision liegt dem Fabrik-der-Zukunft-Projekt „Grüne Bioraffinerie“ zugrunde?

Steinmüller: Hauptvision ist die Verwendung von Gras und Grünland zur technischen Nutzung und nicht zur Umsetzung im Rindermagen. Das ist die Vision.

Was hat das für eine gesellschaftliche Relevanz?

Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen sich ab einer Walddichte von 65 % unwohl fühlen und ab 80 % nicht mehr dort wohnen wollen. Wenn man durch gewisse Täler Österreichs fährt, dann merkt man das auch schon, wie der Wald überhand nimmt und wie die Leute dort absiedeln. Genau das wollen wir durch Nutzen der Flächen verhindern.

Was war die persönliche Motivation, die Entwicklung im Bereich der Nutzung Nachwachsender Rohstoffe zu forcieren?

Meine persönliche Motivation hat sich im Laufe der 20 Jahre, seitdem ich mich damit beschäftige, stark geändert. Während zuerst ein rein wirtschaftliches Interesse war, sehe ich heute eben auch einen gesellschaftlichen Anspruch, der notwendig ist, um hier im Bereich einer nachhaltigen Wirtschaft unterschiedlichste Rohstoffe einer unterschiedlichsten Nutzung zuzuführen.

Wie kann man sich die Nutzung und die Verbreitung dieser Ergebnisse aus dem Projekt als Laie vorstellen?

Die Nutzung ist relativ einfach: In dem Augenblick, in dem es uns gelingt, Wertstoffe, die in einem Nachwachsenden Rohstoff bereits fertig da sind – in unserem Fall der Silage sowohl die Milchsäure als auch die Aminosäuren, die aus den Proteinen direkt gewonnen werden –, wird automatisch der Rohstoff mehr wert. Das Offenhalten der Landschaft wird damit leichter möglich. Das ist die eine Seite. Die zweite Seite wird sein, dass wir in die Köpfe der Menschen bringen, dass wir hier ein Produkt haben, das zu 100 % nicht gentechnisch verändert ist. Denn Wiese wird keiner gentechnisch verändern.

Wenn man also davon ausgeht – und es ist natürlich sehr zu erwarten und zu wünschen –, dass diese Ergebnisse auch erzielt werden, wie kann das dann die Gesellschaft verändern bzw. die Handlungsweise oder Wirtschaftsweise in unserem Kulturkreis verändern?

Was erwarten wir uns, nämlich jetzt aus der gesellschaftlichen Sicht, von so einem Projekt? Den etwas anderen Zugang. Das Weggehen von dem Gedanken, ich mache aus einem Rohstoff nur ein Produkt. Sondern einmal zu schauen, was kann denn ein Produkt, was kann die Natur mir als Produkt zur Verfügung stellen, und ich hole mir hier die Produkte heraus. Ich erwarte mir, wenn hier so ein Projekt durchschlägt, dass man einfach die Gedankengänge neu formuliert – neu formt, dass andere Leute auch auf die Idee kommen, solche Neben- und Zwischenprodukte herauszuholen und damit den Gesamtprozess zu verbilligen.

Welche Rohstoffe wird Ihre Fabrik der Zukunft verarbeiten? Und welche Chancen bietet diese Rohstoffnutzung für die Region?

Dabei muss man zwei Dinge unterscheiden: Wir haben den Fokus auf die Verarbeitung von Gras aus klassischem Grünland. Aber das muss man schon sagen, die Technologie kann auch mit anderen Rohstoffen wie Mais, Feldfutter umgehen. Die Frage, ob sich die Ackerfrüchte gegen das Gras durchsetzen, ist eine andere Geschichte. Sicherlich nicht in Oberösterreich, denn da ist ein klarer Fokus auf das Gras aus Grünlandbewirtschaftung gelegt. Aber im internationalen Vergleich bin ich mir nicht sicher, ob da auch auf das Gras zurückgegriffen wird. Vor allem dort, wo eine Tonne Kleegras günstiger als eine Tonne Gras aus Grünland ist.

Welche Verfahren werden in der Grünen Bioraffinerie eingesetzt?

Wir verwenden verschiedenste Trennverfahren, von der einfachsten Abtrennung über eine Presse und dann über ein Bogensieb über eine Filterpresse bis hin zur Nanofiltration. Das sind alles nur physikalische Trennverfahren. Die Natur macht uns die Chemie. Der vorgelagerte Prozess, die Silage-Herstellung, ist biotechnologisch. Wir holen dann die Wertstoffe nur mittels verschiedener physikalischer Trennschritte heraus.
Alles das, was wir nicht auf den Markt bringen, geht in die Biogasanlage und unterliegt wiederum der biotechnologischen Verarbeitung. Das ist eine Kombination aus physikalischen und biotechnologischen Verfahren. Die klassische Chemie kommt nicht vor.

Warum benötigt es in Österreich für so eine, überspitzt formuliert, kleine Anlage mit ein paar Containern und einer Presse mehrere Jahre Vorbereitung und so große Anstrengungen? Warum geht das nicht schneller? Gibt es da Hemmnisse?

Haupthemmnis ist in Österreich, dass es keine wirkliche Form von Risikokapital gibt. Als Forscher hat man eigentlich keine Chance, von der öffentlichen Hand so viel Geld zu bekommen, um so eine Projekt voll auszufinanzieren. Wenn wir das auf unsere Anlage übertragen, dann mussten wir 65 % der Investitionssumme an Risikokapital von Unternehmen einfach finden.
Und das zweite ist, dass du seitens der öffentlichen Hand üblicherweise auch in diesem Maßstab, in dem wir uns befinden, nur zwischen 35 und 50 % der Förderung bekommst. Wo du aber rein in das Grüne hinein forschst, noch immer, und die Leute glauben, ja, wenn du einen Laborversuch fertig hast, dann baust du eine Großanlage und alles funktioniert. Dabei benötigt eben dieser Schritt noch Forschungsaufwendungen und nicht nur Investitionen. Ohne die Konstellation Bund und Land wäre es uns hier nicht gelungen. Das war oberösterreichspezifisch.

Horst Steinmueller


Wie liegt Österreich im internationalen Vergleich mit dem Projekt Grüne Bioraffinerie?

Wir sind weltweit die einzigen, die das in der Form machen. Es gibt ein paar andere Bioraffinerien, die arbeiten aber alle mit Gras und nicht mit Silage. Wir haben gemerkt, dass international ein großes Interesse für unser Projekt besteht.

Wie lange läuft das Projekt noch, und was ist danach geplant?

Angelegt ist es bis Mitte 2011, also nicht ganz zwei Jahre. Wobei am Ende des Projektes auch bereits das Engineering für eine nächstgrößere Anlage steht. Ganz klar: Der nächste Schritt kann nur mehr eine Demonstrationsgroßanlage sein, während wir hier derzeit eine kleine Demonstrationsanlage mit Bemusterungsmöglichkeit haben.
Und wir wollen in Richtung einer Demonstrationsgroßanlage mit Fertigung eines Endproduktes. Wir haben noch keine Produktionsanlage, und der nächste Schritt ist eine Produktionsanlage. Voraussetzung dafür ist, dass wir das erreichen, was wir uns vorgenommen haben.

Welche wesentlichen Aspekte sehen Sie noch für das Projekt?

Das Projekt schreit nach Vernetzung mit anderen Projekten aus dem Fabrik-der-Zukunft-Forschungsprogramm. Zum Beispiel Vernetzung mit unserer Stroh-Bioraffinerie. Es schreit wirklich danach.
Die Produkte, die wir da machen, sind zwar marktfähig, aber vielleicht kann ich durch die Vernetzung mit anderen Projekten eine höhere Wertschöpfung erzielen. Zum Beispiel können wir dann Lösungsmittel herstellen. Wir bleiben bei der Milchsäure stehen, aber mit der Kombination von Milchsäure und Ethanol aus der Strohbioraffinerie wäre ein tolles Lösungsmittel, Ethyllactat, herstellbar. Das heißt, verschneiden mit der Strohbioraffinerie…
Und natürlich auch bei den Rohstoffen: In dem Augenblick, in dem ich eine zusätzliche Rohstoffpalette hineinbringe, werden die notwendigen Flächen kleiner, die Transportentfernungen kürzer, werden die Radien kleiner. Man darf nicht stehen bleiben. Auch die Kombination mit der Landwirtschaft im Bereich der Aminosäurennutzung für Futtermittel ist ein weiterer Vernetzungsbereich.

Nachwachsende Rohstoffe kommen aus der Land- und Forstwirtschaft und bieten auch eine Chance für diese Branchen. Wie kann dabei die Technologie der Grünen Bioraffinerie eingestuft werden? Ist diese Technologie für landwirtschaftliche Betriebe oder für industrielle Betriebe geeignet?

Die Grüne Bioraffinerie liegt eher im industriellen Bereich, da die Investitionskosten relativ hoch sind. Nachdem wir davon ausgehen, dass eine Gesamtanlage inklusive Biogas sich in der Größenordnung von zwölf Millionen Euro bewegen wird, kann das nicht mehr über genossenschaftliche Organisationen abgewickelt werden. Es geht sicherlich nur über eine GmbH. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, eine Grüne Bioraffinerie im landwirtschaftlichen Bereich zu betreiben.

Was sind die drei häufigsten Fragen, die Ihnen zum Projekt gestellt werden?

Frage 1: Wann können wir Gras liefern?
Frage 2: Warum tut man sich das an?
Frage 3: Wir können uns nicht vorstellen, dass diese Entwicklung wirtschaftlich sein wird.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview wurde von DI Hannes Hohensinner (GrAT) während der ersten offiziellen Führung durch die in Betrieb genommene Grüne Bioraffinerie durchgeführt.

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